Pars pro Toto

Ein altes, renovationsbedürftiges Haus mit mehr oder weniger quadratischem Grundriss, drei Böden, viele Zimmer, Keller und Estrich, das ist die Ausgangslage. Die Architektur ist nüchtern rechtwinklig, es gibt keine Bogenfenster und auch sonst kaum Abgerundetes. Ausgehöhlt lässt sich das Haus als riesiger, überdachter Würfel vorstellen, und dazu gibt es keinen grösseren Kontrast als eine Kugel. Diese Idee wurde für die Installationsarbeit bestimmend. Adriana Stadler beschaffte sich die Pläne des Hauses, setzte eine Kugel mitten hinein und begann zu rechnen. Sie legte deren Mittelpunkt und die Ausdehnung fest und überlegte, wie sie die Kugel an Ort und Stelle sichtbar machen könnte. Sie sollte nirgends aufliegen, sondern im Raum schweben und beim Betreten des Hauses sogleich ins Auge fallen. Sie wählte eine helle, graue Farbe, die sie jeweils da anbrachte, wo sich die Kugel mit Böden, Decken und Wänden überschneidet. Es haben sich unterschiedlich grosse, waag- und senkrechte Segmente ergeben, deren Formen je nach ihrem Platz in der Kugel variieren. Der Gang durch das Haus überrascht. Das Grau zieht sofort den Blick auf sich. Es ist anders als die übrigen Farben in den Räumen, die sich vorwiegend in den Bereichen von Gelb, Rot und Braun, von Blau und Grün und von Weiss und wenig Schwarz bewegen. Obwohl das Grau in dieser Umgebung auffällt, stört es keineswegs. Adriana Stadler hat in früheren Arbeiten mit Farbpigmenten nicht nur die Beziehungen der Farben untereinander untersucht, sondern sich auch mit der Materialität von Farben befasst. Farbe ist Licht, beruht also auf elektromagnetischen Wellen, und jede Farbe ist an einen Stoff gebunden, der andere Empfindungen auslöst. In seinem Buch "Die Formen der Farben" geht der Künstler Karl Gerstner Wechselwirkungen von geometrischen Formen und bestimmten Farben nach. Er greift unter anderem auf die "Farben-kugel" des Malers und Romantikers Philipp Otto Runge zurück, in der dieser das Verhältnis von Farbmischungen darstellt. Die Kugel wird als Globus gesehen. Für den Nordpol steht Weiss, für den Südpol Schwarz, während die verbindende Achse je nach Polnähe dunklere und hellere Grautöne aufweist und der Mittelpunkt zum "absoluten" Grau wird. Darum herum befinden sich alle übrigen Farben. Adriana Stadler hat nun die Kugel zum Zentrum der vielfarbigen Räume des Hauses gemacht und das Grau ganz auf die Kugelform ausgedehnt. Sie formuliert das Spezielle dieses Farbtones so: "Grau nimmt viel auf und gibt nicht soviel ab." Wenn sich alle Farben des Spektrum vermischen, entsteht ein Grau. Es passt deshalb zu jedem Farbton, und es drängt sich nirgends auf. Ihre Materialität macht aus der Farbe etwas Dreidimensionales. Es gibt kaum Arbeiten von Adriana Stadler, in denen sie nicht auf räumliche Gegebenheiten eingeht oder Räume schafft. Das Installative liegt ihr, und ein unbewohntes, herrschaftliches Haus mit schlichten Räumen voller Patina und Zerfall vor der Restaurierung zur Verfügung zu haben, das war eine einmalige Gelegenheit, in grossem Massstab Farb- und Formvorstellungen zu realisieren. Sie setzt den "Nordpol" der Kugel im freien Estrichraum fest und malt als letztes Segment eine runde Scheibe auf den rohen Holzboden. Der "Südpol" befindet sich im Entrée ebenfalls in der Schwebe. Rechts und links davon ziehen sich Kugelsegmente den Wänden entlang in die Höhe und tangieren die Nebenräume. Sie führen über das Treppenhaus nach oben, und im ersten und zweiten Stock ist man über weite Teile von Grau umgeben. Jeder Raum erzählt von einer möglichen Funktion und hat wegen der darin verwendeten Materialien und wegen der noch verbliebenen Einrichtungen seine besondere Ausstrahlung. Eine getäferte Wand wirkt anders als eine beige, gelb oder weiss bemalte, ein Parkettboden anders als ein steinerner, eine abblätternde Decke anders als eine intakte. Nun tritt in den meisten Räumen die graue Malerei dazu. Obwohl immer dieselbe Farbe verwendet ist, erscheinen die Grautöne je nach Segmentgrösse und farblicher Umgebung und je nach Lichteinfall und Unterlagenmaterial heller oder dunkler. Es ist eine spannungsreiche Vielfalt an Formen und Farbbeziehungen entstanden. Die Kugel ist gemalt zwar real, sie kann als Raum betreten oder verlassen werden, sie bleibt aber dennoch imaginäre Gestalt, weil unser räumliches Empfinden von unserem Körper abhängt, der die einzelnen Räume des Hauses als der Kugel übergeordnet wahrnimmt. Die Malereien als Kugelbestandteile, als pars pro toto, zu erfahren, setzt das Wissen um die Existenz der Kugel voraus. Diese als Ganzes zu erkennen, ist ein geistiger Vorgang. Maria Vogel