Breathing Sheets

Der verspiegelte Raum von Adriana Stadler erinnert an Wunderkammern auf Jahrmärkten, an Spiegelkabinette, die bis heute beliebte Attraktionen voll spielerischer Kurzweil und tiefsinniger Raffinesse sind, die unsere Wahrnehmung täuschen und uns die Orientierung und damit vermeintliche Sicherheiten rauben, die uns mit einfachsten Mitteln unbekannte Räume erschliessen und schon mal den Anspruch erheben, ins Unbewusste zu führen. Das Kabinett der Urner Künstlerin, das zwischen dem 28. Oktober und dem 26. November 2000 in der Galerie Adrian Bleisch stationiert war, hat einen überschaubaren hexagonalen Grundriss und misst wenige Kubikmeter. Die Masse sind den jeweiligen Raumverhältnissen der aktuellen Situation anzupassen. Die teilweise verspiegelten Innenwände und der durch zwei transparente Seiten projiezierte Videofilm "Braething Sheets" erweitern das geringe Raumvolumen zu tiefen, verwirrenden Fluchten voll geheimnisumwobenen Bewegungen. Die Filmprojektion, die in die verspiegelte Raumkabine dringt und sich dort vervielfältigt, wird bestimmt durch eine dunkle Mitte und darum herum blütenblätterartig gruppierte Formsegmente von reduzierter blassgrüner, milchig transparenter Farbigkeit. Zauberhaft und leise kommt Leben in das kaum merklich sich bewegende Gebilde. Die zentrale Öffnung weitet sich, pulsiert, kontrahiert, tanzt und ruht nach einem unbekannten Rhythmus. Licht- und Schatten liebkosen sich und schaffen Volumen. Die dunkle Mitte zieht uns endoskopisch in die Tiefe. Wir werden mitgenommen auf eine schwerelose Reise mit erregten und entspannten Abschnitten. Die Trennung zwischen Innen und Aussen, Mikrokosmos und Makrokosmos scheint aufgehoben. "Breathing Sheets" sind fragmentierende Aufnahmen von im Wind hängenden Tüchern. Sie lassen an Kristallhöhlen ebenso denken wie an dunkle Wälder, Unterwasserwelten oder gotische Kirchenbauten. Das an der Kamera montierte Kaleidoskop vervielfacht den Ausschnitt, der Wind bringt Bewegung in das Arrangement. Flatternde Wäschestücke zeigen ihr ganzes Ausmass an Leidenschaft und Sinnlichkeit. Adriana Stadler gibt einer alltäglichen Begebenheit die Faszination des Unbekannten lustvoll zurück und weckt dadurch unsere Neugierde und unseren Erkenntniswillen. Durch die atmende Bewegung und die kaleidoskopische Blickerweiterung wird ein repetitives Moment erreicht, das der geheimnisvollen Bilderfolge eine meditative, beinah hypnotisierende Ruhe verleiht. Die Arbeit "Breathing Sheets" kann als eine art visualisierte Atemtechnik bezeichnet werden, die dem Unspektakulären neuartige Geheimnisse einhaucht und dem rastlosen Kunstpublikum eine Verschnaufpause gebietet. Mit der mobilen Spiegelkabinettinstallation "Breathing Sheets" löst Adriana Stadler ihre künstlerischen Interventionen aus der Abhängigkeit von bestehenden räumlichen Situationen. Gleichzeitig führt sie ihre Untersuchungen zum Verhältnis zwischen Material, Form und Wahrnehmung fort. Sowohl die Installation wie auch die Arbeiten auf Papier schärfen durch die rhythmischen Strukturen den Blick für das Detail und den Überblick gleichermassen. Scheinbare Nebensächlichkeiten werden ins phänomenologische Zentrum gerückt. Eine metaphorische Inhaltlichkeit begleitet das Wahrnehmungserlebnis. Ursula Badrutt Schoch lic. phil Kunstgeschichte